Titel und Inhalt der aktuellen Ausgabe finden Sie
spätestens bis zum 10. des Erscheinungsmonats auf dieser Seite.

 

 

EDITORIAL zum aktuellen Heft:

Liebe „Historikus“-Leserinnen und Leser,

wie kommt man im "Historikus" auf den Hund? Sprichwörtlich sind wir zum Glück noch nicht so weit, es geht um das Thema. Von selber wäre mir das wohl nicht eingefallen, auf die Idee gebracht hat mich die Chronik des Plauener Hundesportvereins Echo. Beim Recherchieren stellte sich dann schnell heraus, dass die Quellenlage durchaus einiges hergibt. Zum Beispiel stößt man in Archivakten auf jahrhundertealte Gesetze zur Hundehaltung. Oder auf eine Behandlungsanleitung bei Tollwut, die sich barbarisch anhört, aber meistens zwecklos war. Erstaunlich fand ich auch, mit welcher Leidenschaft sich Hundeliebhaber, in der Regel nicht ganz mittellose Menschen, früher der Zucht verschrieben. Im Vogtland vielleicht noch mehr als anderswo, Plauen galt in Deutschland nach 1900 als eine Hochburg der fachgerechten Hundever­mehrung.

Zu Emil Claviez, einem Unternehmer aus Adorf, fällt dem vogtländischen Geschichtsfreund möglicherweise ein, dass der Mann eine soziale Ader hatte. Für seine Beschäftigten ließ er eine Wohnsiedlung bauen, die Heime für damals 53 Arbeiterfamilien stehen heute unter Denkmalschutz. Was der Fabrikant mit französischen Wurzeln aber eigentlich leistete – die meisten werden dazu aus dem Stand wahrscheinlich nicht viel sagen können. Dabei muss man Claviez in der Reihe vogtländischer Wirtschaftsmänner mit überregionaler Bedeutung weit vorn einordnen. In seiner Person vereinigten sich innovativer Geist und Geschäftssinn, wie man das nicht häufig findet. Die herausragende unter seinen Erfindungen war das sogenannte Tro­ckenspinn-Verfahren von Papier, mit dem Claviez eine konkurrenzfähige Alternative zu pflanzlichen Faserstoffen wie Baumwolle oder Hanf schuf. Die Neuerung gelang geradewegs zur rechten Zeit: Während des Ersten Weltkrieges stieg der Bedarf an Ersatz-Textilien ins Unermessliche.

Wer ab und an mal in Archiven zu tun hat, kennt das: Man geht Akten für ein bestimmtes Thema durch und stößt dabei auf Informationen, nach denen man gar nicht gesucht hat. Die einem aber interessant, spannend oder sonst irgendwie bemerkenswert erscheinen, so dass man sie nicht einfach überblättert. Die Plauener Familienforscherin Andrea Harnisch hat uns schon mehrfach mit solchen Beifunden versorgt, vor einiger Zeit ist sie auf eine amüsante Lügengeschichte gestoßen – Fake News sind ja gerade ein medienfüllendes The­ma – die vor 200 Jahren durch die Presse ging.

Weil wir gerade bei der Presse sind: Als der Silikon-Heinrich vom Komturhof im März nach Plauen geliefert wurde, war selbiger zu entnehmen, der Plauener Oberbürgermeister bedauere, dass die meisten Plauener leider gar nicht wüssten, mit wem sie es zu tun hätten. Und klärte die Ahnungslosen auch gleich auf: mit dem Vogtländer, "der es am weitesten gebracht hat". Woher wohl diese Unkenntnis? Vielleicht, weil der heldenhafte Hochmeister selbst nie seinen Fuß ins Vogtland gesetzt hat, sondern nur seine Vorfahren von hier stammten? Da könnte man eigentlich auch die Frau Merkel als Vogtländerin bezeichnen, immerhin war die ja mal mit einem solchen verheiratet. Werbung steht halt über den Tatsachen, wir kennen das weißeste Weiß aller Zeiten, die gesündesten linksdrehenden Joghurtkulturen aller Zeiten und nun eben auch den bedeutendsten Vogtländer aller Zeiten. Hauptsache Aufmerksamkeit. Ein biss­chen leidtun können einem nur die Stadtführer, falls ein neugieriger Tourist mal fragen sollte, wo denn der tolle Plauener Heinrich so gewohnt hat. Die richtige Antwort muss heißen: Fast tausend Kilometer weit weg in Polen.

Noch eine Anmerkung zur Zeitung, die mit Geschichte nur insofern zu tun hat, als dass Geld schon immer die Welt regiert. In einer Sonnabend-Ausgabe im April brachte die "Freie Presse" ein ganzseitiges Porträt eines gebürtigen Plaueners, dem Kürzel am Textende nach eine Übernahme aus der „Sächsischen Zeitung“. Titel: "Der Aufsteiger aus dem Vogtland". Vielleicht erinnern Sie sich, sollten Sie die FP lesen.
Der Winner heißt Jörg Wolle, wohnt in der Schweiz und hat es "geschafft" und "zu einem Vermögen gebracht", schwärmen die beiden Autoren in der Bildunterschrift. In dem fünfspaltigen Beitrag bekommt man dann exklusiv das Milieu eines 200 Millionen schweren Managers ausgebreitet: clever eingefädelte Geschäfte, höchstdotierte Posten, mondäne Behausung, superreicher und prominenter Bekanntenkreis.
Ich freue mich für Jörg Wolle, dass er seine Erwartungen ans Leben so zielstrebig und erfolgreich verwirklicht hat, wir waren in der Oberschulzeit befreundet. Aber ich frage mich auch: Ist denn die Leistung eines Arztes, der tausenden Menschen Gesundheit und oft sogar das Leben wiedergibt, weniger wert als die Erfolge eines begabten Aktien-Millionärs? Oder hat ein guter Lehrer, der jahrzehntelang Kinder und Jugendliche intellektuell und charakterlich aufs Leben vorbereitet, weniger "geschafft"? Oder … – Ihnen fallen da bestimmt genauso viele Beispiele ein, wie ich hier noch aufzählen könnte.
Klar sind Topmanager Personen von öffentlichem Interesse. Sie leisten ja auch, manche zumindest, viel für die Gemeinschaft. Doch wenn sich seriöse Medien dieses Themas annehmen, sollte man erwarten können, dass sie wenigstens etwas Distanz zur Kommerzsucht durchblicken lassen, anstatt Töne unverhohlener Bewunderung anzuschlagen.

Ihr Andreas Krone