Titel und Inhalt der aktuellen Ausgabe finden Sie
spätestens bis zum 10. nach dem Erscheinungsmonat auf dieser Seite.
 

Wir machen weiter ...
seit 2018 mit zwei Halbjahres-Ausgaben.

Heft II-2019 erscheint Ende Juni

 

 

EDITORIAL zum aktuellen Heft:

Liebe „Historikus“-Leserinnen und Leser,

hartnäckig taucht in regionalgeschichtlichen Publikationen immer wieder die Behauptung auf, dass in Plauen vor dem Ersten Weltkrieg 140 Millionäre lebten. Oft ergänzt um die Anmerkung, damit wäre Plauen die deutsche Großstadt mit den meisten millionenschweren Bürgern im Verhältnis zur Einwohnerzahl gewesen. Willy Erhardt erwähnt die 140 Schwerreichen in seinem 1995 erschienenen und viel beachteten Buch „Das Glück auf der Nadelspitze. Vom Schicksalsweg der vogtländischen Stickereiindustrie“. Medien wie der MDR oder „Die Welt“ haben die Zahl aufgegriffen, diverse Heimat-Web-Seiten beten sie nach – und auch wir, tut uns leid, haben sie schon unter die Leute gebracht.
Dabei ist die Geschichte nichts weiter als eine gern gehörte Mär, deren Ursprung offensichtlich in einer fehlinterpretierten Zeitungsmeldung liegt: In ihrer Ausgabe vom 19. Oktober 1918 veröffentlichte die „Neue Vogtländische Zeitung“ Zahlen über „Die größten Einkommen in Sachsen“. Für Plauen gab der Autor 140 Personen an, die im Jahr 1916 mehr als 30.000 Mark verdienten (in ganz Sachsen waren es 5.614). Diese 140 Einkommensstärksten muss später irgendjemand umgedeutet haben in Millionäre – seitdem geistert die Legende durch die Geschichtsschreibung. Vielen Dank an unseren Plauener Leser Peter Albrecht, der mich auf die Zeitungsnotiz hinwies.
Tatsächlich war die Riege der Millionäre in Plauen viel überschaubarer. 1912 erschien ein „Jahrbuch des Vermögens und Einkommens der Millionäre im Königreich Sachsen“. Macht man sich die Mühe, das Werk nach allen hiesigen millionenschweren Damen (überschau-
bare drei) und Herren zu durchblättern, so kommt man auf weniger als hundert Namen – und zwar nicht nur für Plauen, sondern für das gesamte sächsische Vogtland. Da müssen wir unsere Ansprüche an die eigenen goldenen Zeiten also etwas zurückschrauben – obschon die Chance, zwischen Auerbach und Pausa, Reichenbach und Markneukirchen einem Millionär über den Weg zu laufen, vor gut hundert Jahren immer noch erheblich größer war als heute. 2016 versteuerten im Vogtlandkreis nur sieben Personen ein Einkommen von einer Mil­lion Euro oder mehr (in ganz Sachsen waren es 175).
Dass Plauen nicht die Stadt mit den meisten Millionären gemessen an der Einwohnerzahl war, dürfte damit auch klar sein. Absolut lebten in Berlin die meisten, Ende 1910 etwa 1.300. Prozentual bewegte sich der Millionärs-Anteil damit aber bei 2,07 Millionen Einwohnern nur im Promille-Bereich. Woanders lag er viel höher. Über Wiesbaden ist in einer Dissertation von 1994 nachzulesen, dass die Stadt bei rund 90.000 Einwohnern (1902) 200 Mil­lionäre hatte (Thomas Weichel, Die Bürger von Wiesbaden: von der Landstadt zur „Weltkurstadt“ [1740 - 1914]). Würde heißen, jeder 450. Wiesbadener war siebenstellig. In derselben Liga spielte Bonn, dort sollen einer Stadtchronik zufolge um das Jahr 1910 unter den etwa 85.000 Einwohnern 200 millionenschwer gewesen sein, womit jeder 425. Bürger der Stadt dem Club angehörte.
Plauen rangierte da unter ferner liefen, aber Auerbach sollte man auf dem Schirm haben: Bei rund 12.700 Einwohnern (1910) und 19 Millionären schaffte es jeder 670. Bewohner der ostvogtländischen Kleinstadt ins sächsische Jahrbuch der Reichen.
Mehr als 700 Jahre lang hörten die männlichen Nachkommen der Vögte von Weida samt und sonders auf den Namen Heinrich, die Fachleute sprechen vom Geschlecht der Heinrichinger. Eine bewiesene Erklärung für dieses Phänomen gibt es nicht, vermutlich wurde der Name zu Ehren des von 1191 bis 1197 regierenden Stauferkaisers Heinrich VI. immer wieder angenommen. Wie viele Heinriche es gab? Ich weiß es nicht, Dr. Chris­tian Espig, der Greizer ist Fachmann für die Geschichte der Reußen, geht von etwa 350 aus.
Einer der bekanntesten und verdienstvollsten vogtländischen Heinriche war jedenfalls Burggraf Heinrich IV. Als Oberstkanzler hatte er eines der höchsten Ämter am böhmischen Hof inne und dadurch Einfluss genug, das seinen Vorgängern entglittene Vogtland noch einmal in seinen Besitz zu bringen und nachhaltig zu reformieren.

Sich auf Kosten der Steuerzahler ein privilegiertes Leben zu machen, ist eine Uralt-Tradition der Mächtigen. Nehmen wir das Beispiel Reisekosten. Was so ein Fürsten-Tross ver-
prasste, wenn er über Nacht in Plauen abstieg, ist überliefert. Die Gastgeber rechneten nämlich penibel ab, sie konnten sich ihre Ausgaben von der Staatskasse wiederholen.
Unter die Lupe genommen hat solche alten Rechnungen der Regionalhistoriker Curt von Raab. Der sächsische General mit Vorfahren im Vogtland lebte in Dresden und hatte einen Sommersitz in Leubnitz. Raab war ein Spezialist für altes Schriftgut. Er ging in den Landesarchiven Dresden, Weimar oder München ein und aus und durchforstete Unmengen von Amtserbbüchern (in denen ist der Besitzstand eines landesherrlichen Amtes erfasst), Urkunden, Rechnungen und andere Quellen. Zudem war Raab einer der produktivsten Autoren der „Mitteilungen des Altertumsvereins zu Plauen“. Sein Aufsatz über „Fürstliche Nachtlager in Plauen. 1471-1506“, auf dem unsere Betrachtung basiert, erschien in der Jahresschrift 1901/02.

Ich liege bestimmt richtig, wenn ich vermute, dass Sie von einem Kornblumentag noch nie gehört haben. Sicher, man könnte beim allwissenden Doktor Google reinklicken, aber wer kommt schon auf die Idee, nach einem Kornblumentag zu suchen. Es handelte sich um eine landesweite wohltätige Aktion aus dem Jahr 1913, zum Geschehen in Plauen gibt es eine Akte im Stadtarchiv. Die Quelle belegt: Das Vaterland ging nicht sehr nobel um mit seinen ausgedienten Soldaten, viele Krieger-Oldies waren auf Almosen angewiesen.

Die Mitarbeit von Dr. Heino Strobel bereichert nahezu jede unserer Ausgaben. Bei seinen breit angelegten Recherchen stößt der ehemalige Werkstoffingenieur immer wieder auf Neuigkeiten, aus denen Beiträge für den „Historikus“ entstehen. Dieses Mal dürfen wir Ihnen Innovatives aus der Medienbranche mitteilen: Ende der 1920er-Jahre zählte ein vogtländischer Zeitungsverlag zu den ersten in Deutschland, die in Farbe druck­ten.

Gute Unterhaltung wünscht –

Ihr Andreas Krone