Titel und Inhalt der aktuellen Ausgabe finden Sie
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Wir machen weiter.
Seit 2018 mit zwei Halbjahres-Ausgaben,
vier Seiten mehr als bisher, Preis vier Euro.

Heft II-2018 erscheint Ende Juni

 

 

EDITORIAL zum aktuellen Heft:

Liebe „Historikus“-Leserinnen und Leser,

fraglos wären die Amerikaner, ich meine die mit dem blondfrisierten Präsidenten, auch ohne die frühneuzeitlichen Silberfunde im Westerzgebirge zu ihrer Währung gekommen. Dann würde deren Geld heute eben nicht Dollar, sondern Gulden, Real (spanisch) oder sonst wie heißen. So jedoch wollte es die Geschichte, dass die Münzen aus dem böhmischen Joachimsthal zum Namensgeber für die Währung der weltgrößten Volkswirtschaft wurden. Prägen ließen den Joachimsthaler seinerzeit die Grafen Schlick. Die Bergwerksbesitzer waren Adlige mit Adorfer Wurzeln, so dass man an dieser Stelle durchaus einmal darauf hinweisen darf: Auch das Vogtland hatte eine Aktie an der Entstehung des wichtigsten Zahlungsmittels auf diesem Planeten.

Damit aber nun hinab in die Ebenen der regionalen Historie. Die Revitalisierung der Elsteraue ist seit einiger Zeit ein beherrschendes städtebauliches Thema in Plauen. Eine zentrale Rolle in den Sanierungsplänen spielen das Weisbachsche Haus sowie das Gelände und einige Gebäude der ehemaligen Hempelschen Fabrik. Die einstige Bleicherei, Färberei und Appreturanstalt gehörte zu den namhaften und traditionsreichen Textilunternehmen des Vogtlands, ihre Anfänge reichen beinahe 190 Jahre zurück. Entstanden und gewachsen ist der Betrieb unter drei Generationen, der letzte aus der Familiendynastie, Erich Hempel, blieb, schon hochbetagt, dem Werk seines Großvaters und Vaters bis zur Verstaatlichung 1972 treu.

Der Beitrag im vorigen Heft über die beiden eingestürzten Brücken, neben der von Herlasgrün ging es noch um einen Elster-Übergang in Straßberg, hat bei einigen Lesern gereifteren Alters Erinnerungen wachgerufen. Ich bekam mehrere Anrufe von Zeitzeugen. Der damalige Fotograf von Herlasgrün, Berthold Stöckel, lud mich sogar zu sich nach Hause ein. In unserem Gespräch wies er darauf hin, dass er damals mit einer Sondergenehmigung des Bürgermeisters am Unfallort Aufnahmen machen durfte und ihm die Negative keineswegs abgenommen wurden, wie wir in der Bildunterschrift behauptet hatten.
Auch bei Günter Albert und seiner Frau aus Plauen saß ich im Wohnzimmer. Der Rentner hatte den Unfall in Straßberg, bei dem ein Lastauto mit sowjetischen Soldaten durch die Brücken-Planken gebrochen war, mit eigenen Augen gesehen und präzise im Gedächtnis gespeichert. Bei meinem Besuch lag eine Skizze vom Unfallgeschehen auf dem Tisch, der Augenzeuge erinnerte sich an eine Tragödie mit Verletzten oder gar Toten.
Wir sind der Sache daraufhin nachgegangen. Erst in den vogtländischen Archiven, bei der Plauener Friedhofsverwaltung und in Straßberg selbst. Dann haben wir die heutige Verwaltung des Sowjetischen Garnisonsfriedhofs und das Deutsch-Russische Kulturinstitut, beides in Dresden, konsultiert, im Sächsischen Staatsarchiv Chemnitz nachgeforscht und bei der Stasiunterlagenstelle Chemnitz angefragt.
Denkbar wäre schließlich noch gewesen, Archive im weiten Russland selbst zu kontaktieren – aber an dem Punkt hätten Aufwand und eventuelles Ergebnis für unsere Kleinstredaktion in keinem Verhältnis mehr gestanden. Für einen Beitrag von vier Spalten hat die Angelegenheit auch so schon reichlich Zeit beansprucht – zumal im Grunde genommen nicht viel dabei herauskam. (Die Antwort der Stasi-Unterlagenbehörde stand bei Redaktionsschluss noch aus, sollte sich aus deren hausinterner Recherche noch etwas ergeben, werden wir das im kommenden Heft nachreichen.) Die Sowjets hielten ihre Angelegenheiten eben unter der De­cke – aber was ich erzähle da dem gestandenen Ossi.

Bleiben wir noch einen Augenblick beim Thema Unfälle. Rund 170 Jahre rollen Züge durchs Vogtland, da kann man sich denken, dass der Brückeneinsturz bei Herlasgrün 1961 nicht das einzige Eisenbahn-Unglück gewesen ist. Einen anderen Vorfall auf Schienen haben die Ortschronisten von Netzschkau und Lengenfeld, Falk Naumann und Friedrich Machold, zutage gefördert. In Lengenfeld machten sich 1937 neun Güterwagen selbstständig und rasten führerlos das Göltzschtal hinunter. Dass es dabei weder Tote noch Verletzte gab, war der Geistesgegenwart einiger Bahnleute zu verdanken, eine gehörige Portion Glück spielte ebenfalls eine Rolle.

Friedhöfe sind spannende Schauplätze der Vergangenheit. Wer es bezahlen konnte früher, ließ sich eine repräsentative Grabanlage bauen. Hinter solchen letzten Ruhestätten ehemals betuchter Menschen, heute vielfach in erbarmungswürdigem Zustand, steht oft eine interessante Geschichte. Im „Bildrätsel“ geht es um so eine mondäne Grabstätte, um welche, kann dieses Mal wirklich jeder herausfinden. Dazu stellen wir Ihnen in dieser Ausgabe auch gleich die immer noch neue, interessante und sehr ansprechend gestaltete Broschüre zum 100-jährigen Bestehen des Plauener Hauptfriedhofes vor.

Mitunter stößt man in alten Unterlagen zufällig auf Dinge, nach denen man nie gezielt gesucht hätte. Der Eintrag „Ernst Julius Graser“ in der Ehrenbürger-Liste des Plauener Adressbuchs ist so ein Beispiel. Man erwartet und findet in dieser Rubrik normalerweise honorige Bürger – Stadtoberhäupter, leitende Geistliche, verdienstvolle Unternehmer, hohe Verwaltungsbeamte … – auch der alte Bismarck steht übrigens in der Ehrentafel (Und nicht nur in der Plauener, der abgedankte Staatsmann wurde anlässlich seines 80. Geburtstags am 1. April 1895 von 72 deutschen Städten zum Ehrenbürger ernannt, im vogtländischen Raum waren das neben Plauen auch Adorf, Auerbach, Falkenstein, Lengenfeld, Markneukirchen, Oelsnitz, Reichenbach, Treuen sowie Greiz, Hirschberg, Lobenstein und Schleiz.)
Mit einem Schuhmachermeister rechnet man dagegen eher nicht unter den Ehrenbürgern einer Stadt. Da stellt sich die Frage, was der vorbildliche Mensch denn so vollbracht hat im späten 19. Jahrhundert, um dieser auserlesenen Runde für würdig befunden zu werden. Es war nichts Aufsehenerregendes, der Mann hatte sich einfach nur jahrzehntelang aufopfernd engagiert für seine Mitmenschen.

Ihr Andreas Krone